Der fränkische Geigenbauer Alfred Binner

 

Liebe und Leidenschaft

 

Ein Porträt von Karoline Pilcz

Seine Passion für die harmonischen Formen der Geigen hält seit nunmehr 35 Jahren an und ist gepaart mit Erfahrung und Können.

 

Er tut, was heutzutage nur mehr sehr wenige machen, und verdient wie kaum sonst jemand die Bezeichnung „Geigenbauer“. Denn in seiner kleinen Werkstatt im Keller des Wohnhauses nahe Erlangen entstehen aus einem Stück Holz Stücke von bestechender Einzigartigkeit: Violinen, Violen, Violoncelli – allesamt Meisterinstrumente, Unikate, von Grund auf handgefertigt. Als ein im wahrsten Sinn des Wortes „Meister seines Faches“ verbindet er Leidenschaft und Hingabe mit technischen Fertigkeiten, Wissen und Erfahrung.

 

Geigenbau als Berufung

 

Alfred Binner war nicht immer schon Geigenbauer. Ursprünglich war er Polizist und übte den Beruf als junger Mann auch mehrere Jahre aus. In Stuttgart, in den unruhigen Zeiten der RAF. Er schildert heute keine Details, sagt aber sehr bestimmt, dass ihn die Tätigkeit nicht befriedigte, und es ihn in den späten Siebziger Jahren zu Veränderung drängte. Und da kam just das Angebot des Schwiegervaters, das Handwerk des Geigenbaus zu lernen, um später die Werkstatt zu übernehmen.

 

Vielleicht hatte sich der junge Binner Jahre zuvor nicht gedacht, einmal Geigenbauer zu werden, aber das Angebot war da und der junge Mann hatte nicht nur Interesse an der Kunst im allgemeinen, sondern auch Hunger auf Neues. So begann er 1980, bei seinem Schwiegervater in die Lehre zu gehen.

Der familiäre Betrieb besteht seit den 1930er Jahren und war ursprünglich in Schönbach bei Eger im böhmischen Vogtland angesiedelt, ein seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wichtiges Zentrum des Geigenbaus, das auch als „Österreichisches Cremona“ bezeichnet wurde.

 

Nach 1945, im Zuge der Vertreibung der deutschböhmischen Bevölkerung, übersiedelte der Betrieb - wie so viele andere - nach Bubenreuth bei Erlangen, das seither ein Zentrum des Streichinstrumentenbaus ist. Mit dem Geigenbaumeister Keller arbeiteten zwei bis vier Zuarbeiter, das Geschäft florierte, man exportierte damals sehr gute Instrumente, teils maschinell, teils handgefertigt in die USA und nach Japan. Auch der Schweigersohn Buchner, der die Werkstatt übernahm, setzte auf Handel und Export von Qualitätsinstrumenten.

Alfred Binner freilich sah während seiner Lehre und Arbeit im Familienbetrieb, dass sich die Marktsituation veränderte, der amerikanische Markt war gesättigt. Und so kam ihm seine Neugier auf Neues, seine Experimentierfreudigkeit und nicht zuletzt seine Fähigkeit und sein Gespür zugute, als er 1987 den schwiegerväterlichen Betrieb übernahm und daraus eine Werkstatt für Einzelanfertigung von Meistergeigen machte.

Er selbst hat keine Zuarbeiter mehr. Er benötigt für seine Arbeit lediglich eine Hobelbank und seine Hände. Und natürlich gutes Holz.

 

Ausgangspunkt für seine Arbeit ist das Holz.

 

Alfred Binner scheint eine gute Hand dafür zu haben, nicht nur gutes, sondern exzellentes Grundmaterial zu finden. Bei einem speziellen Erlangener Holzhändler könne man, so Binner, unter hervorragendem Holz auswählen. Dort stöbert er, gustiert er, sucht Stücke aus, die ihn dann zu dem einen oder anderen Instrument inspirieren. Gern greift er auf Holz aus vorigen Generationen zurück. Da wisse man bereits, wie sich das Material über die Jahre hinweg entwickelt habe. Das Holz jedenfalls müsse richtig sein, seine Qualität prägt den Gesamteindruck des entstehenden Instrumentes: Die Optik und den Klang. Dann kommt seine handwerkliche Arbeit. Können vereinigt sich mit Erfahrung, mit Esprit - und wird zur Kunst.

Durch seine Hände entstehen pro Jahr ein bis zwei Celli sowie sechs bis sieben Violinen. Jedes für sich eine individuelle Persönlichkeit, verschieden im Modell, im Klangkörper und somit auch im Klang. Genauso individuell wie die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Musiker.

Alfred Binner findet an mehreren, klassischen Streichinstrumenten-Modellen Inspiration, er lehnt seine Instrumente also an Modelle von Stradivari, Guarneri, Amati und Stainer an, studiert sie, verändert sie und gibt ihnen schließlich ganz eigene Züge.

 

Seit nunmehr drei Jahren erhält jedes seiner Instrumente außerdem innen und auf der Bodenkappe als individuelles Markenzeichen seiner Meisterinstrumente den Brandstempel „N“.

Feingefühl

 

Ist ein Meisterinstrument aus Alfred Binners Werkstatt fertig, so macht es sich auf den Weg – Verkaufsgeschäft gibt es ja keines – aus dem kleinen Ort Großenseebach hinaus, meist Richtung Stuttgart oder nach Oberösterreich. Baden-Württemberg und das nahe österreichische Bundesland verfügen über ein reiches Musikschulwesen und somit über viele gute Laienspieler und Profimusiker. Im letzten Jahrzehnt konnte der Geigenbaumeister Kontakte mit Musikhochschulen, Musikschulwerken und Organisatoren von Kursen knüpfen, die seine Instrumente spielen, probieren, ausstellen, empfehlen und kaufen. Nicht immer fährt er selbst auf Messen oder Ausstellungen, aber oft. Man kann ihn also gemeinsam mit seinen Instrumenten antreffen, mit ihm sprechen, ihn erleben – den Menschen hinter den Instrumenten.

 

Der Kontakt mit den Musikern ist wichtig. Nicht nur als derjenige, der das Instrument für einen Spieler liefert, sondern auch quasi in missionarischer Funktion. Um das Feingefühl der Menschen, und besonders der jungen und jüngsten für das Streichinstrument zu wecken geht Alfred Binner immer wieder gern in die Schulen seiner Umgebung und stellt dort seine Arbeit vor, zeigt, wie so eine Geige entsteht, woraus sie gemacht ist, wie sie sich anfühlt, wie sie klingt. Musik, diese ach so flüchtige Kunst, will er „greifbar“ machen. Nur was man kennt und versteht, kann man auch lieben. Außerdem trifft man Binner häufig in Konzerten, um die Kunst zu genießen und den Klängen der unterschiedlichen Instrumente und der verschiedenen Spieler zu lauschen. Beim Klang eines Instrumentes, so verrät mir Binner, mache 70% die Persönlichkeit des Musiker aus, lediglich 30% das Instrument selbst.

Ruhe und Natur

 

Wenn man sich mit Alfred Binner unterhält, scheint er auf den ersten Eindruck eher zu den wortkargen Menschen zu zählen. Aber wenn er dann beginnt, von seiner Arbeit zu erzählen, dem Material, dem Tun, dem Klang, der Seele des Instrumentes, dann kommt er allmählich in Fahrt und die Augen leuchten. Insgesamt ist mein Eindruck der eines in sich ruhenden Menschen, der Neuerungen gegenüber durchaus aufgeschlossen ist, aber der einer Großstadthektik lieber aus dem Weg geht. Bei ihm gibt es keine Hetze, sondern Ruhe und Aufmerksamkeit auf das, was er gerade tut.

 

Zu seiner Tätigkeit des Geigenbaus kamen neuerdings soziale Betätigungsfelder in seiner Umgebung hinzu, als Ausgleich zur Arbeit genießt er das Grün seines Heimatortes und setzt sich gern und oft aufs Rennrad. Es wundert nicht, dass der Spruch, der in seiner Werkstatt hängt und Alfred Binners Lebensmotto ausdrückt, von einem Menschen stammt, der früh hinausging in die Natur, um landschaftliche Träume auf die Leinwand zu bringen und der das ungebrochene Licht der Berge auf unnachahmliche Art und Weise einzufangen verstand: Giovanni Segantini: „Kunst ist das Fenster, durch das der Mensch seine höhere Fähigkeit erkennt“.

 


 

GEIGENBAUMEISTER
ALFRED BINNER
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